Warum scheitern so viele Jurastudenten bereits im ersten Semester?

Weil sie die 12 „Guten Gründe“ für ein Scheitern nicht zur Kenntnis nehmen.

Doch zunächst: Warum sollte es sich für einen jungen Jurastudenten überhaupt lohnen, sich mit „Guten Gründen für ein Scheitern“ im Jurastudium herumzuschlagen?

  • Vielleicht deshalb, weil man vom Scheitern lernen kann, wie man nicht scheitert?
  • Vielleicht deshalb, weil man nicht nach zwei oder mehr Semestern wieder da ankommen will, wo man aufgebrochen ist?
  • Vielleicht deshalb, weil einem dann die Not des deprimierenden „Sich-für-dumm-Haltens“ erspart bleibt?
  • Vielleicht deshalb, weil man vor Sinnfragen im Studium bis auf Weiteres sicher ist?

  • Vielleicht deshalb, weil sich dadurch ein „langer Wille“ konstituiert, um ein hochkomplexes Jurastudium über weite Zeitstrecken erfolgreich zu bestehen?
  • Vielleicht deshalb, weil man befähigt wird, ohne Angst, aber mit klarem Blick, den langen Marsch auf den entdeckenden Wegen der Juristerei und ihrer juristischen Denk- und Arbeitsweisen erfolgreich anzutreten?
  • Oder vielleicht deshalb, weil die Kenntnis über Maßnahmen zur Abwendung oder zumindest Eindämmung schwebender Scheiterungsgründe zu den studentischen Klugheitsregeln eines geglückten Juraeinstiegs gehören?

Vielleicht? – Nein, ganz und gar nicht vielleicht, sondern gerade deshalb!

Es gibt kaum ein Studium, ein studentisches Unterfangen, das mit so viel Erwartungen und Neugier begonnen wird und das mit solcher Häufigkeit fehlschlägt wie das juristische Studium. 60 % Abbrecher, 30 % Durchfallquote: In jeder anderen Fakultät würde man bei solchen Zahlen in der Luft zerlegt. In der juristischen nimmt man es einfach hin. Ein fahrlässiger bis leichtfertiger Umgang mit der Lebensplanung und der Lebenszeit junger Menschen.

Verkrampfen, verzweifeln, verzagen, verbeißen – scheitern. Traurige Studenten! Dabei handelt es sich meist um solche Studenten, die zu lang am althergebrachten, disziplinlosen Schul- und Studienschlendrian festhalten und die Kurve zum Studium nicht kriegen. Sie werden gleich einem steuerlosen Schiff – anfangs langsam, später immer schneller – vom Sog des Wasserfalls angezogen. Der Sturz über das Kliff ist das Ende einer hartnäckigen Resistenz gegen die Ursachen des Scheiterns. Wenn der Student sich dem Kliff dann bedrohlich nähert, ist es bereits zu spät. Es gibt „Gute Gründe“ für ein Scheitern schon gleich im Anfang des Jurastudiums. Ihre Existenz zu leugnen, hilft nicht über die Tatsache ihres Daseins hinweg. Aber wer die „Guten Gründe“ kennt, kann sie bekämpfen. In Ihnen darf das lähmende Gefühl, die Stufe der Inkompetenz, die zum Scheitern führt, erreicht zu haben, gar nicht erst aufsteigen.

Scheitern ist immer der Endpunkt einer Fehlerkette. Fehler sind durch das Nichterfüllen bestimmter Anforderungen gekennzeichnet. Man muss sich also von Anfang an mit den Anforderungen auseinandersetzen, die aus dem Umkehrschluss der 12 „Guten Gründe“ für ein Scheitern herrühren. Nehmen Sie das „Auseinandersetzen“ mit den „Guten Gründen“ ruhig einmal wörtlich. Setzen Sie jeden der nachfolgenden Punkte auf einen Stuhl und sich selbst gegenüber und schauen Sie das Gegenüber genau und abspeichernd an! Ich werde Sie an jeden dieser Gründe heranführen, damit Sie eine Grundimpfung gegen ein Scheitern mit auf Ihren entdeckenden Weg bekommen.

Eine allgemein anerkannte Formel für juristische „Klugheit“ und „Kreativität“ gibt es ebenso wenig wie ein diesbezügliches „Jura-Gen“.

Jurastudentische Klugheit gibt es aber sehr wohl! – Was das ist? – Es ist das Vermeiden der folgenden 12 „Guten Gründe“ für ein frühes Scheitern im Jurastudium. Nicht mehr – und nicht weniger! Zeigen Sie Ihre Klugheit und bringen Sie die 12 „Guten Gründe“ jeweils in die Ich-Form mit zwölf Mal: „Ich nicht!“

  1. Der Student („Ich nicht“) leidet an der Unfähigkeit, die außergewöhnliche Komplexität des rechtlichen Lernspektrums zu reduzieren und immer wieder auf einfache Alternativen zurückzuführen. Die Reduzierung ist mitnichten eine Banalisierung der Juristerei, sondern die via regis. Dem schlechten Beispiel mittelmäßiger Professoren folgend, drängt er danach, die juristische Komplexität immer komplexer und verwirrender zu machen. Ein sicherer Weg zum Scheitern! Am Ende ist man nicht mehr in der Lage, irgendwelche entwirrenden Entscheidungsalternativen zu erkennen. Die juristische Welt ist mit wuchernder Komplexität überzogen.
  2. Der Student („Ich nicht“) hat die Neigung zur Beibehaltung bestehender, oft antiquierter, schulischer Wissensaneignungsverfahren, statt sich eine moderne, völlig neue Lernorganisation durch spezifisch-juristische Lernprozesse zu schaffen. Der Student scheitert am Übergang vom Schüler zum Jurastudenten, weil er zu lange an der ausgelebten Schülergestalt festhält. Man versucht, seine angelernten Schuleigenheiten von einem System ins andere mitzunehmen. Diese erweisen sich aber im Hochschulsystem als höchst unzuverlässig.

  3. Der Student („Ich nicht“) scheitert an dem notorischen Mangel von fundierter und vor allem fundierender Ausbildungsliteratur und didaktisch qualifiziertem Lehrpersonal. Am Anfang müssten die besten Professoren lehren, danach genügen auch die schlechteren. Der Student sucht sich die falschen Lehrmeister

  4. Der Student („Ich nicht“) strauchelt an der Schwierigkeit, den Nutzen von Vorlesungen und Lehrbüchern zu realisieren. Zu Deutsch: Der Dozent redet und schreibt vor sich hin und an den Studenten vorbei.
  5. Der Student („Ich nicht“) verinnerlicht nicht die Erkenntnis, dass nicht das Wort des Professors, sondern das des Gesetzes im Mittelpunkt des Interesses stehen muss. Die Primärliteratur ist das Gesetz, das A und O der Juristerei; alles andere ist Bei- und häufig genug Blendwerk. Der Student geht zu selten den Weg vom Gesetz zur Literatur, vielmehr zu häufig den in umgekehrter Richtung.
  6. Dem Student(„Ich nicht“) mangelt es an dem Bewusstsein, wie man mit juristischen Gesetzen umgeht und Probleme auseinandernehmen, strukturieren und Schwerpunkte setzen muss. Hinzu kommt eine unsystematische juristische Denk- und Arbeitsweise mit dem Gesetz und dem Fall. Er beherrscht seine Werkzeuge nicht.

  7. Dem Student („Mir nicht“) fehlt eine Studienstrategie in Form kurz-, mittel- und langfristiger Studien- und Lernziele. Eine dauerhafte Analyse und Planung (Strategie) und eine notwendige Priorisierung wird vermisst. Er findet keine Antworten auf die Fragen „Wie bewältige ich die Stofffülle?“ – „Wie organisiere ich mein Studium?“ und „Wie teile ich meine Zeit ein?“

  8. Der Student („Ich nicht“) scheitert an seiner Klausurentechnik. Es mangelt an der notwendigen Umsetzungskompetenz von globalem Wissen auf lokales Anwenden in Klausuren. Der Student hat nicht gelernt, wie er sein Wissen klausurentechnisch auf den Fall lenken muss. Ihm fehlt die Methode! Er kann sein „Schreibwerk“ nicht gut genug „verkaufen“. Will man in einer Klausur nicht scheitern, muss man zunächst das juristische theoretische Wissen in Inhalt und Umgang mit den Gesetzen erlernen, die Methoden ihrer Anwendung und Auslegung beherrschen. Das genügt aber nicht! Das wahre Können kennt nur einen Beweis: das Tun! Und das Tun besteht in der Juristerei in der Anfertigung von Klausuren und Hausarbeiten. Ich werde erst dann die juristische Klausuren-Kunst beherrschen, wenn ich die Ergebnisse meines theoretischen Wissens mit der praktischen Technik des Klausurenschreibens und des Hausarbeitenerstellens verschmelzen kann. Die „Theorie“ wird in der Vorlesung vermittelt, die „Praxis“ zu häufig mit „mangelhaft“ in der Klausur. Sie können noch so viel Wissen haben, wenn Sie es nicht in einer Klausur oder Hausarbeit zu Papier bringen können, werden Sie scheitern!

  9. Der Student („Ich nicht“) ist den Weg zur flüssigen Darstellung und zur überzeugenden Präsentation nie zu Ende gegangen. Sprachlosigkeit und Konturlosigkeit im juristischen Schreibwerk führen zu Erfolglosigkeit. Er ist zu wenig in der Lage, in Klausuren sein Wissen so aufzubereiten, dass es in „Form“ kommt und dem Korrektor gefällt.

  10. Der Student („Ich nicht“) fällt seiner Ignoranz gegenüber den überlebensnotwendigen Sekundärtugenden: Ordnung, Fleiß und vor allem Disziplin zum Opfer. Er weiß nicht, dass diese Sekundärtugendresistenz noch verheerendere Folgen hat als fehlende Intelligenz. Sekundärtugendgesteuerte Studenten sind erfolgreicher als die nur Intelligenten. Sich ausschließlich auf die Intelligenz zu verlassen, ist der verlässliche Ausgangspunkt des Scheiterns. Faulheit und Fleiß sind keine Eigenschaften, sondern Entscheidungen, die nur durch den Studenten selbst revidiert werden können durch bewusste Stärkung der Gegenkräfte.

  11. Der Student („Ich nicht“) merkt zu spät, dass die Anwendung des Gesetzes auch handwerkliche Tätigkeit ist und nur am Fall erfolgen kann. Das ewig wiederkehrende Spiegeln des Lebensausschnitts (Fall) im Gesetz, das methodische Spiel mit Gutachten und Subsumtion, Auslegungen und Definitionen, Analogien und Umkehrschlüssen kann der Student nicht mitspielen. Er scheitert im Chaos der methodischen Spielregeln.

  12. Der Student („Ich nicht“) schaut dem Korrektor niemals über die Schulter. Er gewinnt keine Klarheit über den Sinn der Leistungsnachweise und die Genealogie einer Note. Er entwickelt keine Vorstellungen über die Bewertungskriterien, die ent-„scheidenden“ Maßstäbe der juristischen Benotung.

Die traurige Erkenntnis einer Analyse dieser Scheiterungsgründe ist, dass an den meisten Gründen nicht nur der Student, sondern mehr die juristischen Fakultäten die Schuld tragen: Sie sorgen in der Studieneingangsphase nicht für eine tragfähige propädeutische Brücke zwischen Gymnasium und Jurastudium. Wir tun das!

Denn leicht wird man zum wehrlosen Opfer der Massenfakultät Jura, wenn man nicht schon im Anfang planerische Vernunft und kontrollierende Disziplin zu ihrem Recht kommen ließe. Die Axt der ersten Semester des Jurastudiums würde den Anfänger fällen, wenn er in seinem Studium nicht gut informiert und diszipliniert in einer selbstgegebenen Verfassung zu Werke ginge.

Ein wesentliches Merkmal des misslungenen Anfangs ist es, wenn der juristische Problemzuwachs schneller steigt als die juristischen Problemverarbeitungskapazitäten des Studenten. Eine Zeit der zwei Geschwindigkeiten: Der Stoff bewegt sich viel schneller als das studentische Bewusstsein. Weite Kreise der jungen Juraeinsteiger sind deshalb gerade im Anfang ständig Misserfolgserlebnissen ausgesetzt. Sie verstehen wenig und werden mutlos. Hinzu kommt, dass die Anfänger sich meist selbst für dumm halten, so dass schwer verständliche, ja geradezu vorbeifliegende Informationen in Vorlesung und Literatur sie nicht nur nicht informieren, sondern darüber hinaus ihr Selbstwertgefühl beschädigen. Die „Lehrwerkstätten“ der juristischen Ausbildung lassen die Studenten nicht selten am Anfang ihres Weges mutterseelenallein. Sie setzen offenbar stillschweigend voraus, dass der Anfänger die juristischen Fertigkeiten „irgendwie“ von selbst herausbekommt, dass es ihm zufliegt, wie er seine Energie und Zeit im Umgang mit der juristischen Anfangsmaterie wirkungsvoll einsetzt. Die Verzweiflung wächst! Man scheitert! Das muss keineswegs so sein. Es ist eben nicht normal, nach dem 1. Semester überhaupt keinen Durchblick zu haben.

Was ändert sich auf Ihrem Weg vom Abiturienten zum Jurastudenten?

Alles! Nichts bleibt wie es ist! Vor allem Sie selber nicht.

Es stimmt schon: Jura ist ein hartes Studium. Ihre überschaubare Schülerwelt wird geflutet von einer zuvor nicht für denkbar gehaltenen Menge an Informationen und Möglichkeiten, die einfach stressen. Drei wichtige Stressoren muss kennen, wer es mit ihnen aufnehmen will!

1. Stressor: Das Notensystem

Juranoten sprechen für sich, aber nur wenn man deren Vergabepraxis kennt. In juristischen Prüfungen kann man bis zu 18 Punkte erreichen. Ab 4 Punkte gelten Klausuren als bestanden. Danach staffelt es sich: bis 6 Punkte „ausreichend“ (ca. 50 % aller Studenten), 7 bis 9 Punkte „befriedigend“ (ca. 30 % der Kandidaten) und von 10 bis 12 Punkte ein „vollbefriedigend“, eine Notenstufe, die fast alle anstreben, gerade noch erreichbar erscheint, aber nur von ca. 10 % tatsächlich erreicht wird. Darüber wird es extrem dünn: 13 bis 15 Punkte „gut“ (ca. 2 % aller Studenten), eine Bewertung, die nicht nur „gut“ ist, sondern „hervorragend“, 16-18 Punkte bleibt den Genies vorbehalten, 1 von 1000!!! Passen Sie auf: Wer diese Note erreicht, gilt als zumindest verhaltensgestört, wenn nicht schon als geistig behindert. Versuchen Sie einmal Ihren Mitabiturienten aus anderen Fakultäten klar zu machen, warum Sie jubeln bei 10 Punkten von 18. Abfälliges Abwinken erwartet Sie. Dieses Notensystem macht Stress: Die Erkenntnis, dass man voraussichtlich allenfalls mit „vollbefriedigend“ abschneiden wird, kränkt das von der Schule verwöhnte Ego und bedarf eines langen eingewöhnenden Denkprozesses. Ein ungesunder Noten-Konkurrenzdruck entsteht innerhalb der Kommilitonenschaft wie außerhalb mit Freuden. Diese Juranoten sind nämlich nicht vermittelbar.

2. Stressor: Die Stofffülle

Eine Unmenge von Stoff muss verarbeitet werden. Sie werden sehr bald zu der Erkenntnis kommen: „Ich werde niemals alles wissen können!“ Sie sehen es auf sich zukommen: „Es kann in den Klausuren alles dran kommen!“ Folge: Sie sind ständig unsicher. Das stresst ungemein!

3. Stressor: Der Vergleich

Irgendeiner ist immer besser, hat mehr Punkte in den Klausuren, vielfältigere Zusatzqualifikationen, bringt bessere „soft kills“ mit, ist weiter im Studium und hat schon Auslandssemester hinter sich. Diese Sorgen kennt jeder Jurastudent: Die Topleistungen des Mensa- oder Hörsaalnachbarn bereiten Stress. Sie kennen aber auch die wichtigtuerische Selbstreklame: „Meine Noten, meine Stärken, meine Scheine, mein Fleiß“.

Mit diesen stressigen Verunsicherungsfaktoren der Außenwelt müssen Sie umzugehen lernen und sich gegen sie wappnen. Wie? – Lesen Sie einfach weiter!

  • Abiturienten, die mit „Hurra!“ die juristische Ausbildung in Angriff nehmen wollen, sind zwar durch das Abitur akademisch geboren, aber noch nicht auf die juristische Welt gekommen. Unvorbereitet zu sein vor dem ersten Schritt in das Studium der Rechtswissenschaft, ist eines ihrer wesentlichsten Gattungsmerkmale. Der Übergang vom Schüler zum Jurastudenten ist nicht einfach ein bloßes Hinübergleiten von Schule zu Hochschule. Es handelt sich um etwas ganz Großes an der Schnittstelle zweier Lebensphasen: das zuversichtliche Hineingehen ins eigene Studium. Der Zustrom neuen Wissens im ersten Semester ist gewaltig. Sie haben die Lebensphase des Schülers verlassen und sind in die Lebensphase des Jurastudenten gewechselt. Sie werden in dieser „Bildungspassage“ zu einer neuen Person!

  • Der Start in das Jurastudium ist ein ultimativer Neuanfang. In der neuen Lebensphase soll alles besser laufen als in der grauen Vorzeit: Neue Freunde, viel Party, interessanter Lehrstoff, Autonomie und am besten weit, weit weg von Zuhause stehen ganz oben auf der Wunschliste. Alles Bisherige wird in einem Rundumschlag für diese Illusion gekappt: Der soziale Rückhalt durch den langjährigen Freundeskreis, die direkte Beziehung zu den Eltern und meist auch Großeltern, natürlich auch die gewohnte Umgebung. Ich möchte Sie vor einer jedenfalls unkontrollierten Flucht von zu Hause direkt nach dem Abitur warnen. Beim Wechsel auf die Hochschule auf den Heimvorteil zu verzichten, ist eine riskante Strategie und nicht immer die beste Wahl. Die wertvolle Anfangsemphorie vieler Erstsemestler verpufft schon beim Versuch, sich ein neues soziales Netzwerk aufzubauen, Orientierung in einer fremden Stadt zu finden und mit der „großen Freiheit“ zurecht zukommen. Die Energie der ortstreuen Studenten kann dagegen ohne Nebenkriegsschauplätze auf sicherer Alltagsbasis direkt in die schwierigen Anfangsgründe der Juristerei eingesetzt werden. Eine heimatnahe Ortswahl ist auch keine verspielte Chance auf die große weite Welt: Haben Sie sich in Stoff und Studium eingelebt, können Sie immer noch „ausziehen“.

  • Mit Ihrer juristischen Ausbildung beginnen Sie einen neuen, auf Jahre hin angelegten Lebensabschnitt. Die neue jura-studentische Lebensphase wird als ein ganz wichtiger Teil in Ihr ganzes Dasein eingeordnet sein. Die Zeit an der Uni ist eine der schönsten im Leben eines Menschen und man bekommt sie nie mehr zurück. Das Jura-Studium wird aber seinen vollen Sinn in Ihrem Leben nur dann gewinnen, wenn es sich auch wirklich auf Ihr Leben hin erfolgreich auswirkt. Wahrscheinlich wird es der Mittelpunkt Ihres ganzen Lebens. Alles Bisherige ist darauf zugelaufen, alles Folgende findet hier sein Fundament.

  • Wenn Sie sich bewusst machen, mit welchen juristischen Mängeln ein Abiturient als hilfloser Anfänger in die neue Welt seiner juristischen Ausbildung hineingeboren wird, dann wird die ungeheure Bedeutung des juristischen Anfangs erst deutlich. Und welches Wissen und welche Erfahrungen erforderlich sind, um einer ersten juristischen Klausur erfolgreich zu trotzen. Noch fehlen die meisten derjenigen Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten, die Kompetenzen also, die man für den juristischen Erfolg zur Verfügung haben muss. Gleichsam als Ersatz hierfür besitzt jeder Abiturient aber als „homo sapiens“ die unschätzbare menschliche Fähigkeit, lernen zu können. Er kann sein Verhalten jeweils den neuen Erfordernissen und Herausforderungen der Umwelt, d.h. jetzt konkret seiner juristischen Ausbildung, anpassen, um ein guter Jurastudent zu werden.

  • Ihr juristischer Wissens- und Problemzuwachs in Vorlesungen und Einführungsbüchern wächst schnell an. Er darf aber niemals schneller steigen als Ihre juristischen Problem- und Wissensverarbeitungskapazitäten. Es geht deshalb im Anfang vor allen Dingen darum, möglichst stufenweise methodischen und materiellen juristischen Sachverstand in Ihren Anfänger-Lern-Prozess einzubringen, um das notwendige juristische Denk-, Speicherungs- und Fassungsvermögen langsam aufzubauen, was notwendig ist, den Problem- und Wissenszuwachs sicher zu verarbeiten. Später kann dann alles offen und weit werden, der juristische Geist von der Kette gelassen werden. Aber erst dann!

  • Lassen Sie sich bitte nichts von einem Jura-Gen erzählen, das man habe oder eben nicht habe! Eine angeborene Anlage für juristische „Klugheit“ und „Kreativität“ gibt es ganz selten. Ungewöhnlich kluge und kreative Studenten haben einfach besser, disziplinierter, systematischer, geduldiger und fleißiger gelernt als die anderen. Sie verfügen schlicht über mehr erarbeitetes Wissen, Methodik, haben Falltraining und Systemkenntnis und den Mut, diese auch einzusetzen. Wissen, Systemkenntnis, Methodik und Übung teilen sich in die Klausurenherrschaft, und es gibt für Sie nur einen Weg zu ihrer Erkenntnis: Den Weg des ernsthaften Studiums von Anfang an. Der Mythos vom „Jura-Gen“ ist eine irrige Vorstellung. Jeder der beginnenden Abiturienten hat das Zeug, ein guter Jurist zu werden. Es fallen weit mehr Studenten einem schleichenden Niedergang der Sekundärtugenden von Fleiß und Disziplin bis hin zum Scheitern zum Opfer als einer Minderbegabung für Jura.

  • Sie betreten den offenen Raum des Jurastudiums und müssen sich darin einquartieren. Sie müssen sich dabei in eine Ihnen noch weitgehend unbekannte studentische Existenz neu eingewöhnen. Sie müssen lernen, akademisch selbst zu gehen. Der Schutz der Lehrer und Eltern, der zwischen Ihnen und der äußeren Welt stand, fällt langsam weg. Auch akademische Freiheit muss man lernen!

  • Die neue Jura-Welt ist Ihnen fremd. Ihre immer wiederkehrenden Fragen: „Was ist das für ein Gesetz?“ – „Was ist das für ein Fall?“ – „Wie bringe ich die beiden in Einklang?“ sind die Fragen Ihres Fremdseins. Sie sollten behutsam aus Ihrer schulischen Anschauungswelt durch befähigte, Vertrauen und Zutrauen spendende Instanzen in Lehre und Literatur in das neue Fremde geführt werden. Suchen Sie sich solche Lehrmeister!

  • Sie haben längst entdeckt, wie Sie sich als Individuum von den anderen unterscheiden. Die Verletzlichkeit Ihres jungen Selbstgefühls, die übersteigernde Selbstbetonung, das Misstrauen gegen das, was andere sagen, bloß weil es andere sind, haben Sie längst abgelegt. Noch nicht entdeckt haben Sie, als die neue Person „Student“ in studentischer Freiheit und Selbstverantwortung dazustehen und ein eigenes Urteil über Ihre neue studentische Welt und Ihren eigenen Stand in ihr zu gewinnen. Sie werden diesen festen Stand bald finden, indem Sie beginnen, in Ihrer neuen Jurawelt Ihr erfolgreiches studentisches Werk zu tun.

  • Sie dürfen nicht der Gefahr unterliegen zu meinen, für Sie sei die studentische Welt unendlich offen, Ihre junge Vitalität sei unbegrenzt. Manchmal fehlt Ihnen noch die Kenntnis der Zusammenhänge, der Maßstab für das, was man selbst kann, aber auch der für das, was andere können. Es fehlt das Wissen von der ungeheuren Zähigkeit der Trägheit des Studenten und vom Widerstand, den die Trägheit dem Willen zum Studium entgegensetzt. Sie werden bald entdeckt haben, wie man der Gefahr widersteht, sich in Fleiß und Disziplin zu überschätzen, sich zu täuschen, seinen Willen zum Studium mit der Kraft seiner Durchsetzung zu verwechseln. „Ich will das!“ heißt noch lange nicht „Ich kann das!“

  • Sie werden schnell begreifen, dass Ihre neue Lebensphase als Jurastudent bestimmt wird durch eine ganz neue Wertmitte, eine alles beherrschende Dominante. Diese Dominante ist das disziplinierte, organisierte und planmäßige Lernen. Das Wort „Lernen“ ist schnell gesagt, aber sehr reich an Inhalt. In gewisser Weise bedeutet es Ihre ganze studentische Betätigung. Das Problem des richtigen Einstiegs in die neue Jura-Welt ist eigentlich zunächst ein Problem Ihrer dozentischen Juravermittler. Studium aber bedeutet, dass es immer mehr zu Ihrem Problem wird. Der Dozent ist nur am Anfang der Sachwalter Ihres studentischen Anliegens, er kann Ihnen das Studieren nicht abnehmen. Sie werden Ihr juristisches Studium selbst in die Hand nehmen müssen. Da heißt es: Disco iura ergo studio iura, lat.: ich lerne Jura, also studiere ich Jura!

  • Eine der Schwierigkeiten des Übergangs vom Schüler zum Jurastudenten besteht in Ihrer inneren Unsicherheit, im Wissen und Doch-noch-nicht-Wissen, im Können und Doch-noch-nicht-Können. Der Übergang wird dann vollzogen sein, wenn Sie die nötige Erfahrung gesammelt haben, um mit juristischen Inhalten, fachlichen Kompetenzen und Falllösungstechniken juristisch zu denken, methodisch zu arbeiten und emanzipiert zu studieren. Dieser Übergang kann gelingen, aber auch misslingen. Ihr Schritt von der Schule zur Hochschule ist erst dann gelungen, wenn Sie eigene Erfahrungen in der neuen Welt gemacht, diese für sich ausgewertet und dann auch angenommen haben. Wenn Sie den realen Kontakt zum juristischen Studium gefunden haben. Wenn Sie zu würdigen wissen, wie eine wirkliche juristische Lernleistung aussieht und nicht nur eine phantasierte.

  • Zu Ihrem studentischen Wesensbild gehört der jugendlich-passionierte Elan des aufsteigenden Studiums. Die psychologische Wirkung dieses Elans, dieser Vitalität, ist das Gefühl unendlicher Möglichkeiten, das Vertrauen in das, was Sie sein werden und leisten und was das Leben Ihnen schenken mag. Dann aber tritt die jura-studentische Wirklichkeit allmählich ins Bewusstsein, vor allem dadurch, dass auch Misserfolge eintreten. Sie entdecken die elementare, aber anfangs nicht wahrgenommene Tatsache, dass die anderen Studenten ebenfalls ihr Können und ihre Fähigkeiten haben, dass sie ebenfalls vorstoßen in neue Räume und nicht bereit sind, sich von Ihnen übertrumpfen zu lassen. Sie entdecken, wie kompliziert die neue Jura-Welt ist, wie wenig Sie mit Ihrem Schulwissen durchkommen, es vielmehr häufig heißt: kenne ich nicht, weiß ich nicht, verstehe ich nicht; einerseits – andererseits; sowohl – als auch; jeder Fall ist anders. Sie erfahren, was die Vorbedingung für alles ist, was Jura-Studium heißt: Geduldiges Lernen und lernende Geduld.

Der erste Schritt zum erfolgreichen Wechsel hinüber zum Jurastudium fängt allerdings bei Ihnen selbst an: Sie sollten möglichst schnell den Entschluss fassen, von Anfang an etwas für Ihre juristisch-methodische Ausbildung zu tun. Dazu müssen Sie Ihren Gesichtskreis anfangs möglichst eng halten, innerhalb dessen sich jedoch die Grundstrukturen, Grundbegriffe und Grundmethoden der Juristerei deutlich und prägend beibringen (lassen). Erst wenn nichts Halbverstandenes oder Schiefverstandenes mehr vorhanden ist, dürfen Sie den Gesichtskreis allmählich erweitern, allerdings stets dafür sorgend, dass alles darin Gelegene richtig verarbeitet, verstanden und erkannt ist. Infolge dessen sollten Sie zwar anfangs die juristischen Stoffmengen beschränken, dafür aber die Methoden und Strukturen, die richtigen Strategien zum Lernen des juristischen Lernens und die ehernen Grundgesetze unserer Wissenschaft in Form von Gutachten und Subsumtion deutlich und fest in sich verankern. Nur dann bedarf das nach dem ersten Semester stets nur der Erweiterung, nicht aber ständiger Berichtigung!

Lassen Sie sich auf dem entdeckenden Weg in Ihre neue juristische Welt von niemand entmutigen. Jedem Anfänger präsentiert sich das Recht mit seinen Gesetzen und Methoden als uneinnehmbare Wehrburg, deren Mauern scheinbar keinerlei Eindringen erlauben. Wenn Ihnen aber auf wundersame Weise mit den „Waffen“ der juristischen Methodik, einer spezifischen juristischen Lernsystematik, einer Klausurentechnik, vor allem aber Ihrer Motivation der Zutritt gelungen ist, werden Sie die Erfahrung machen, dass die meisten Trakte der „Trutzburg Recht und Gesetz“ zwar hervorragend gebaut, aber durchaus „einnehmbar“ sind.

Ist der Erfolg im Jurastudium vorhersagbar? – Wenn Sie weiter mitmachen: Ja! Der Hoffnung, dass nicht allein dem Anfang, wie Hermann Hesse dichtete, „ein Zauber innewohne“, kann man optimistisch hinzufügen: Er wohnt, wenn der Student es klug anstellt, dem ganzen Jurastudium inne!

Warum kommt es auf den Anfang an?

Weil Sie im ersten Semester alles falsch machen und alles für das weitere Studium Wesentliche verpassen können. Man kann aber auch alles richtig machen! Das erste Semester ist nicht zum Sich-mal-Umsehen da, sondern zum genauesten Hinsehen auf Studium und Examen. Sie werden es kaum glauben: Es ist der wichtigste Teil Ihrer Examensvorbereitung. Sie müssen den Anfang Ihres Studiums mehr vom Ende Ihres Studiums her denken und klar stellen, welch überragend wichtige Anteile davon in der Studieneingangsphase erreicht werden sollen. Das Planungsmotto: Wir fangen erst mal an, dann sehen wir weiter, mag sich für die Planung eines kreativen Events eignen, nicht aber für die Strategie eines Jurastudiums.

Sie sind also unter die Juristen gefallen! Sie haben das Abi gerade hinter sich gebracht? Sitzen mit dem „Schönfelder“ auf dem Schoß in den Vorhallen der Hochschule und grübeln, was Sie hier eigentlich machen sollen? „Jura studieren!“ – Aber was ist das, „Jura“? – Und wie funktioniert dieses „Studieren“? – Was ist das Besondere an der „Juristerei?“ – Und: „Was kann man damit werden?“ – „Was ist ein Jurastudent? Und was nicht?“ – Und: „Warum scheitern so viele Jurastudenten?“ – „Wer hilft mir?“ – „Gibt es ein Geheimnis des juristischen Anfangs?“ Es gibt kein Geheimnis des juristischen Anfangs. Es gibt nur Erstsemest(l)er, die sich nicht darum bemühen und die deshalb dummen Vorurteilen aufsitzen.

Sie ergreifen mit dem Jurastudium wohl das schwerste und lernintensivste Studium. Nun müssen Sie nur noch den dazu geeigneten Studenten schaffen, dem es gelingt, es mit Freude und Kompetenz in Angriff zu nehmen. Herzlich willkommen in „Jurististan“! Ja, auf den Anfang kommt es an! Dabei will und werde ich Ihnen helfen.

Das machen wir anders! Aus Ihrem Interesse an Jura wird ab jetzt Neigung werden! Die magische Zeit zwischen Abitur und Studiumsbeginn, die Zeit der unbekümmerten Planlosigkeit ist durchlebt. Die einzige Zeit im Leben, in der alles offen steht! Eine Zeit, in der aber auch wichtige Entscheidungen reifen mussten, sonst säßen Sie heute nicht hier, wo Sie sitzen. Irgendwann auf der Überlegungsschiene von Plänemachen und Pläne-über-den-Haufen-werfen haben Sie dann die Weiche für das Jurastudium gestellt, für ein klassisches Studium, das Ihr Leben auf den Kopf stellen wird.

Hier die wichtigen Fragen, denen Sie sich von Anfang an gestellt haben sollten, sich aber spätestens nach dem 1. Semester in einem „Reality Check“ gewissenhaft stellen und mit denen Sie ehrlich und ernsthaft mit sich selbst zu Rate gehen sollten. Entwickeln Sie Ihren ganz persönlichen individuellen Plan!

  • Warum will ich Jura studieren? – Passt Jura überhaupt zu mir? – Die Fragen nach den Motiven.

Einige Stichpunkte: Sozialprestige, breites Betätigungsfeld, gutes Geld, günstige Berufsaussichten, „Was anderes fällt mir nicht ein“, Wunsch der Familie, Macht, Was bin ich für ein Persönlichkeitstyp, respektive Lerntyp?

  • Ist das Jurastudium mein Wunschstudiengang, oder was kommt sonst noch in Frage? – Die Fragen nach den Alternativen.

Einige Stichpunkte: Habe ich ein bestimmtes Talent, bin ich ein Gerechtigkeitsfanatiker, wie stand ich in Mathematik, Deutsch und Fremdsprachen, ein schon lange gehegter Wunsch?

  • Weiß ich, welchen juristischen Beruf ich nach dem Juraabschluss ergreifen kann und will? – Die Frage nach den Perspektiven.

Einige Stichpunkte: Rechtsanwalt, Staatsanwalt, Richter, Verwaltungsjurist, Wirtschaftsjurist, Polizei oder sonstige Behörde, Notar?

  • Wie stelle ich mir meine Studienbedingungen vor? Wie lange will ich studieren? – Die Frage nach den Situativen. Einige Stichpunkte: „Stromlinienförmig“ oder breit angelegt? Freischuss oder zehn und mehr Semester? Wo will ich studieren, Massenuni oder kleine Universitätsstadt, zu Hause oder außerhalb, wie und wo kann ich wohnen, wie finanziere ich mein Studium?
  • Wie will ich mein Studium organisieren? – Die Frage nach den Regulativen.

Auch hier einige Stichpunkte: Studienplan, akademische Freiheit, eigene Planung, Rahmung, Repetitor ja/nein, wann mache ich welche Scheine, wie halte ich es mit dem Freischuss? Hochschulwechsel ja oder nein? Wenn ja, wann? Auslandssemester? Wenn ja, wo?

  • Welches Examensergebnis will ich erzielen? – Die Frage nach den Expertisen. Reicht mir für die väterliche oder mütterliche Kanzlei ein „ausreichend“ aus? Oder strebe ich in eine Unternehmensberatung, internationale Wirtschaftskanzlei oder in den Richterberuf?

  • Was spricht gegen das Jurastudium? – Die Frage nach den Negativen.

Stichpunkte: Dominanz des Staatsexamens, Zweistufigkeit (weil in Studium und Referendarzeit gesplittet), fehlender Praxisbezug, Vermassung, Trennung von Theorie und Praxis, Juristenschwemme, zu schweres Examen, teurer Repetitorwahn, fehlendes Propädeutikum im Anfang des Studiums, Fehlen einer begleitenden Kontrolle, Klausurenteufelei

  • Was spricht für das Jurastudium? – Die Frage nach den Positiven.

Denken Sie in Ruhe nach! Ihnen fällt bestimmt eine Menge ein, ganz individuell. Und wenn nicht, lesen Sie langsam weiter. Haben Sie die letzte Seite gelesen, aber erst dann, wissen Sie mehr über die „Positiven“. Das begehrteste Bildungsangebot unserer Gesellschaft ist ein Studium. Nehmen Sie ihr Angebot in Form eines Jurastudiums an!

Fast alle Jurastudenten beginnen ihr Studium, wie Sie wahrscheinlich auch, ohne schulische Vorkenntnisse über das Recht. Das verstärkt ihre ohnehin vorhandenen Unsicherheiten und Schwierigkeiten beim Studienbeginn. Die Hochschulen stellen sich auf diese Schwierigkeiten oft nur unvollkommen ein. Der Wille zum Jurastudium ist bei den Abiturienten meist da, was fehlt, ist der erkennbare Weg! Es fehlt das „Missing Link“ zwischen der „Schul-Welt“ der frischen Abiturienten und der „Lern-Welt“ der jungen Jurastudenten. Es fehlt das für den Aufbruch in die Juristerei notwendige juristische Orientierungswissen. Es fehlt vor allem ein Orientierungsplan und ein Orientierungsrahmen für die juristischen Entdeckungen im Anfang. Der juristische Geist wird viel zu früh von der Kette gelassen und irrt ziellos umher. Das Allmähliche ist die passende Gangart für das erste Semester, nicht der Galopp.

Leider wird der Weg in dieses unbekannte Jura-Land von vielen Dozenten und in der Literatur oft so behandelt, als verstünde er sich von selbst, so dass ihn „zu erlernen“ kein Gegenstand juristischer Bildung und Ausbildung sei. Auch fühlt sich zu Beginn des Studiums keiner der Dozenten, die sich mit Bravour durch die Dickichte ihrer juristischen Spezialgebiete schlagen, „funktionell“ so richtig zuständig für den steinigen Weg des Erlernens der juristischen Denk- und Arbeitsweise, der nur der Juristerei eigenen Methodik, ihrer Sprach- und Stilmittel und der Umsetzung des Erlernten in juristische Leistungskontrollen, speziell in Klausuren, Referaten und Hausarbeiten. Jeder Dozent vertraut hinsichtlich der „Basics“ und der „Skills“ auf den anderen! Es ist die universitäre Ausprägung des St. Florian Prinzips. Und der arme Student ist verlassen! Allein gelassen im juristischen Paragraphendschungel ohne ein überlebenswichtiges „survival-package“. Dem lockeren „Ich mach dann mal Jura“ des Abiturienten und seinem „Hurra! Jura!“ folgt sehr bald ein fragendes „Jura?“ und nicht selten ein resigniertes „Das war’s dann mit Jura!“. Den wesentlichen Grund für den häufigen Studienabbruch in Jura sehen viele in der erlebten und durchlittenen Diskrepanz zwischen den frohen Erwartungen an das Jurastudium und den traurigen Erfahrungen im Anfang des Jurastudiums im Hinblick auf eine einfühlsame Hinführung zu der Komplexität des juristischen Stoffes, auf das schwierige Lehr- und Lernklima in den juristischen Massen-Hörsälen, auf die schweren Klausuren und die daraus resultierenden Zweifel speziell an sich und ganz generell am Sinn des Jurastudiums. Folge: depressive Resignation über die Widersprüchlichkeit zwischen dem, was der junge Student erwartet und dem, was ihn erwartet. An dieser These ist auf dem ersten Blick viel dran – und bei näherem Hinsehen noch mehr.

Der Start ins Jurastudium, gleich ob an Universität oder Fachhochschule, ist ein Himmel für den, der über einen gelungenen Eintritt seine Inhalte und Methoden kennen lernt, emanzipiertes Verstehen passioniert hervorbringt, Erfahrungen und Ratschläge über das Jurastudium bekommt und annimmt, somit selbstbewusst und gut vorbereitet in die Vorlesungen geht, sich der Literatur zu bedienen weiß, Klausurentaktik und –technik beherrscht. Aber eine Hölle für den, der den Eintritt verpasst hat und nichts begreift. Deshalb kommt es auf den Anfang an!

Viele, die frisch nach dem Abitur in die juristische Ausbildung gehen, verspüren jeden neuen Tag bei jedem Schritt durch das Hochschulportal das Gefühl von Frust, Alleingelassensein, Enttäuschung, Nicht-mehr-weiter-Wissen – ja: manchmal Verzweiflung. Das magische Abitur: Eben noch Hürde, jetzt schon blasse Erinnerung. Die Wege zur ersten juristischen Klausur im BGB, im Staats- und Verfassungsrecht und im StGB pflastern viele Dozenten mit einem Bündel von Imperativen. Wenn man nur erführe, wie man ihnen entsprechen soll.

Die Angst schleicht sich ein. In den ersten Tagen und Wochen wird man als Student nur allzu oft mit Horrormeldungen von Dozenten, Assistenten und älteren Semestern überhäuft: Wie schwer ein Jurastudium sei. Wie schnell man für den „Freischuss“ studieren müsse. Wie hoch die Durchfallquote sei. Wie unendlich wichtig ein „Prädikatsexamen“ als Wertmarke für den juristischen Arbeitsmarkt sei. Wie unlösbar die Klausuren seien. Und so weiter und so fort. Daraus kann leicht der Eindruck entstehen: „Das schaffe ich nie!“ Falsch! Jura ist keineswegs ein Studium nur für intellektuelle Überflieger, sondern lässt jedem Abiturienten eine Chance. Dazu gibt es viele Ansätze, Sie werden sie in diesem Start-Blog-Jura gleich kennen lernen. Nur eines muss man eben immer: den ersten Schritt tun.

Im Anfang des Jurastudiums ist man als Student ganz besonders verwundbar, denn man weiß noch nicht genau, was die spezifischen Herausforderungen des Jurabeginns sind und was man tun muss, um sie anzupacken. Außerdem fehlt dem Anfänger in der Regel ein funktionierendes Ratgeber-Netzwerk für die Studieneingangsphase, das ihn in seiner neuen Situation unterstützt. Wenn es ihm nicht gelingt, in den ersten 90 Tagen juristischen Tritt zu fassen, dann wird er für die gesamte Dauer seines Studiums kräftezehrende Kämpfe führen müssen. Wenn es ihm dagegen gelingt, gleich zu Beginn seines Jurastudiums Erfolge zu erzielen und sein juristisches Selbstwertgefühl durch Verstehen zu stärken, schafft er eine stabile Grundlage für seinen langfristigen Erfolg im Jurastudium.

Und genau so machen wir es! Da das deutsche juristische Ausbildungssystem im Gegensatz etwa zum schweizerischen oder britischen System keinen klar umrissenen Abschnitt für die Studieneingangsphase mit einer solchen spezifischen Funktion kennt, müssen wir die Übergangsphase zum Erwachsenwerden an der Universität selbst zu einem solchen Abschnitt machen.

Es lassen sich sechs Funktionen dieser Studieneingangsphase für das Jurastudium ausmachen.

  1. Funktion: Orientierung an der Uni

Der Jurastudent muss seine neue Rolle an der Uni kennenlernen und annehmen. Dazu muss er seine Universität als Organisation, sich als „freien“ Studenten, seinen individuellen Studienaufbau und seine Wissenschaft der Jurisprudenz wahrnehmen. Eine wesentliche Aufgabe kommt dabei dem Hineinwachsen in die Hochschulgemeinschaft (Sozialisation), der allmählichen Vereinigung mit dem Fach Jura (Integration), der Begegnung mit den Lehrinhalten in Vorlesung und Literatur (Lehr-Lern-Kultur) und der Art und Weise der Präsentation und Darstellung in Klausuren (Klausurentechnik) zu.

  1. Funktion: Einführung in den Studiengegenstand

Hier geht es um die Überblicke in den juristischen Lehrstoff des ersten Semesters, nämlich die drei Säulen Bürgerliches Recht, Strafrecht und Verfassungsrecht, und um tiefere Einblicke in deren allgemeine Teile, BGB AT, StGB AT und die Grundrechte.

  1. Funktion: Erlernen der juraspezifische Denk- und Arbeitsweise

Dieser Teil des Studienanfangs dient dem Erlernen der juristischen Handwerkskunst, hochtrabender der Methodik, um Lebenssachverhalt und Gesetz in problemlösende Stellung bringen zu können. Die unsichtbaren Methoden des Gutachtens und der Subsumtion machen diese Frontstellung erst sichtbar.

  1. Funktion: Selektion

Man muss sich in dieser Statuspassage zwischen Schüler und Jurastudent kritisch überprüfen, ob die Erwartungen, die man an sich und das Jurastudium gestellt hat, der vorgefundenen Realität entsprechen. „Aufbruch oder Abbruch“ ist hier die Frage. Auch die ersten in dieser Phase geschriebenen Klausuren lassen Rückschlüsse auf den Leistungsstand zu und geben Signale über die Fähigkeiten und Fertigkeiten für Jura. Man muss testen, ob die Vorstellungen zum Jurastudium eingelöst worden sind. Die rationale Welt, wie sie unsere Juristerei beherrscht, ist nicht jedermanns Sache.

5. Funktion: Juristisches Verständnis anstreben

Das „Juristische Verständnis“ geistert als verwaschener Standardbegriff bis ins Examen um den Studenten herum, ohne dass er weiß, was damit gemeint ist. Juristisches Verständnis bedeutet, den Zweck einer Norm oder einer Normengruppe verstanden, die dahinter stehenden Interessen und gesellschaftlichen Kompromisse ihrer Entstehung hinterfragt, einen Überblick über die Gesetzessystematik und die Querverbindungen der Gesetze erworben, Andockstellen im Langzeitgedächtnis geschaffen zu haben und Normen „sezieren“ zu können. Es ist die Überwölbung der Fachsäulen und kann auf sämtliche jurafachbezogenen Bereiche übertragen werden. Darum muss man sich frühzeitig bemühen.

6. Funktion: Erlernen des juristischen Lernens

Alle Juristen wissen, wie schwer das Erlernen dieser „Juristerei“ ist und wie leicht man scheitern kann. Nie wurden aber die dafür notwendigen Fähigkeiten und Fertigkeiten sowie die Erkenntnisse der eigenen negativen Erfahrungen im Studium bisher zu einem Lern-Konzept des juristischen Kenntniserwerbs didaktisch zusammengefügt. Vielen Studenten fehlt es deshalb an einer klaren kurz-, mittel- und langfristigen Konzeption des Lernens und damit an einem sicheren Fundament für ihr juristisches Studium. Studienstrategien für die Juristerei und fundiertes fundierendes Wissen sind aber kein Naturprodukt, das man hat oder nicht hat. Man kann es sich aneignen! Das juristische Studium funktioniert nicht von selbst. Man muss in ihm üben, planen, organisieren, variieren, optimieren, trainieren – kurz: viel lernen. Das Jurastudium ist eine Freude für den, der seine Ziele, Arbeitsweisen und Methoden von Beginn an teilt, und es ist eine Qual für den, der ihnen widerstrebt.

Die Universität zeigt sich in dieser Studieneingangsphase oft ungeübt in der Aufgabe, Studenten praktische und erfolgreiche Hinweise zu geben, wie man sich den unübersichtlichen Stoff einverleibt, wie man eine Klausur löst, wie man eine Hausarbeit schreibt oder gar ein Referat hält, wie man mit Gesetz und Literatur umgeht, sich Methoden zueignet oder wie man eine Vorlesung optimiert. Die Ur-Lehr-Lern-Fragen des Jurastarters bekommt der Anfänger in Jura hier nur äußerst dürftig beantwortet. Durch die „Wie-was-womit-wofür-wann-wo-wielange-Jura-studieren-Fragen“ des Anfangs werde ich Sie sicher navigieren.

Aber ein Trost: Der Nachteil dessen, dass man aus der Schule nichts für Jura mitbringt, ist umgekehrt auch ein großer Vorteil: Alle stehen am Start des Jurastudiums unter den gleichen Bedingungen!

Herzlich Willkommen

Liebe Erstsemestler,

Sie denken, dies sei mal wieder eins der schon viel zu vielen Lehrmedien zum Juraeinstieg. Sie irren sich!

Ihr Einstieg ins Jurastudium

Dieser „Start-Blog für Jura-Einsteiger“ hat das Anliegen, aus der Entmutigungskultur des 1. Semesters eine Ermutigungskultur werden zu lassen. Wie tragen alles zusammen, was der Jurastudent im Anfang seines Studiums zum Überleben brauch. Es gibt zu viele, die scheitern! Die Ursachen lassen sich fast immer auf Fehler zurückführen, die in den ersten 90 Tagen des Studiums gemacht worden sind. Das muss nicht sein! Uns interessiert dieses erste Semester, Ihr juristischer Anschluss an Ihren gymnasialen Abschluss. Das erste Semester erkenne ich als das wichtigsten Teil der Examensvorbereitung!

Sie wollen sicher wissen, warum gerade ich mich für befähigt halte, eine solchen „Start-Blog“ zu schreiben. Ich habe 30 Jahre als Professor an der Fachhochschule für Rechtspflege NRW Bürgerliches Recht, Strafprozessrecht unterrichtet, war lange Repetitor, Staatsanwalt und Richter, habe Jahrzehnte mit die Jurawelt immer wieder neu entdecken- den Studenten gelebt und sie begleitet. Ich habe ihnen klar zu machen versucht, dass das juristische Lernen nicht von selbst funktioniert, dass es zur stressigen Wechselwirkung zwischen ihnen und ihren juristischen Lern- und Lehrmedien kommen kann, wenn man sich nur vorgaukelt, etwas gearbeitet zu haben, aber tatsächlich nur Zeit verschwendet hat. Ich habe ihnen als Erster gezeigt, wie sich Gutachte, Urteils- und bloßer Feststellungsstil von anderen abgrenzen, habe mit ihnen die Klausurentechnik und -taktik trainiert, ihnen die gesetzlichen Baupläne des BGB und StGB sichtbar gemacht, habe gesehen, wie sie mit Spannung Vorlesungen Vorlesungen und Referatsthemen gefolgt sind und dabei erfahren haben, dass Jura umso interessanter wird, je mehr man davon weiß. Ich habe hunderte Male Klausuren erstellt, Tausende korrigiert und Klausurensituation mit ihnen immer wieder als Ernstfall simuliert, sie gezwungen, Sachverhalte und Aufgabenstellungen haargenau aufzunehmen und den Fall hart am Gesetz abzuarbeiten, haben für sie Strategien entwickelt, etwaige Wissenslücken mit ihnen juristisch-methodischen Fertigkeiten der Problemfindungs- und Problemlösungskompetenz fallgerecht und vertretbar zu überwinden, und sie gelehrt, die einschlägigen Klausurprobleme auf dem richtigen Weg, in der richtigen Zeit, am rechten Platz, in der richtigen Art und Weise und – wenn möglich – vollständig darzustellen.

Also: Ich weiß, wovon und worüber ich rede! Ich bin zwar neu auf dem Markt, aber keineswegs Anfänger!

Freuen Sie sich auf diesen Start-Blog – am 14.10.2016 geht es los!

Ihr Professor Dyrchs

P.S. an alle Leserinnen und Leser des vergangenen Semesters:
Ich bedanke mich für die überwältigende Resonanz auf meinen Blog! Diese ist ein großer Ansporn für mich, weiter zu schreiben. Mein Webmaster und ich planen, neben den allgemein gehaltenen Tipps zum Jurastudium die weiteren Kategorien „BGB“ und „Strafrecht“ einzurichten. Lassen Sie sich überraschen…

Juristische Entdeckungen – Ihr Einstieg ins Jurastudium