Der Einstieg in die StGB-Klausur

Das Spiel ist partytauglich. Spielen Sie es einmal: Zwei sitzen mit dem RĂŒcken zueinander. Der eine hat Papier und Bleistift. Der andere bekommt die Abbildung einer komplizierten geometrischen Figur aus Rechtecken, Vier- und Dreiecken. Die beschreibt er so prĂ€zise wie möglich seinem Mitspieler. Der wiederum muss, allein den Wörtern folgend, die Figur nachzeichnen. Was nachher auf dem Blatt zu sehen ist, entspricht manchmal den Notizen, die Studenten sich wĂ€hrend einer Vorlesung machen.

WĂ€re das Ganze ein Comicstrip, erschienen ĂŒber den Köpfen der meisten Studenten große Fragezeichen. Das Studentenfeindlichste kann man in dem AnfĂ€ngersemester schnell lokalisieren: Die FeindaufklĂ€rung entdeckt die „Große Vorlesung“.

Leider sind die meisten der Vorlesungen auf den genialen Studententypus zugeschnitten, der die Fachinhalt am ehesten abstrakt erfasst. Die Frage ist nur: Gibt es diesen Studenten ĂŒberhaupt in Reinkultur? Auf alle FĂ€lle ist er nicht der Regelfall. Deshalb sind viele der existierenden Vorlesungen an nicht existierenden Grundmustern der Studenten orientiert und damit letztlich desorientiert. Geht nun der Student, der das Verstehen mehr in einfacherer Kommunikation, mit einfacher Sprache und kurzen SĂ€tzen, besonders aber im Fallbeispiel, auch mit Lehrmitteln aus einer digitalen Welt, in graphischen Darstellungen und Skizzen, im Anfassen und FĂŒhlen von Baumdiagrammen sucht, in eine auf höchstem Sprachniveau mit höchster generalisierenden Abstraktion gespickte Vorlesung, so tritt folgendes ein: Er ist verwirrt, glaubt, dass er unbegabt und unfĂ€hig ist, hat Angst, Frust und Depressionen – er verzweifelt an sich. Falsch! Verzweifeln Sie nicht! Wenn Sie die unverstĂ€ndliche Sprache, oder der Text,  die fehlende Anschaulichkeit und Praxis verwirren, muss es nicht unbedingt immer an Ihnen liegen. Die rechtsdidaktische SchwĂ€che des Vortragenden, sich verstĂ€ndlich auszudrĂŒcken und zu erklĂ€ren, einfach und unkompliziert zu formulieren, lebendig darzustellen, kann auch mal die Ursache sein. Nicht Sie mĂŒssen der Dumme sein, sondern es kann an dem Medium liegen.

Machen Sie sich folgendes klar:

·   Treffen Sie auf ein Lehrbuch, das Ihnen unverstĂ€ndlich ist, stellen Sie es in das Regal zurĂŒck! Erschließen Sie sich den Inhalt mit einem anderen SchlĂŒssel!

·   Treffen Sie auf eine Vorlesung, die abstrakt, monoton, ohne erkennbare FĂŒhrung, hochkompliziert und -komprimiert daherflaniert – verlassen Sie den Hörsaal! Schauen Sie einmal bei einem Repetitor vorbei!


Leider wird im Anfang der juristischen Ausbildung eine systematische EinfĂŒhrung in die Kunst der Optimierung einer Vorlesung (gleiches gilt fĂŒr den Umgang mit der Literatur) nicht geliefert. Motto: „Friss Vogel oder stirb! Sie, wie du klar kommst, Studentlein!“

Warum schildern Studenten oft ihr GefĂŒhl, am Anfang die juristischen HörsĂ€le freudig gewonnen zu haben, am Ende, ihnen traurig entronnen zu sein? – Dem Dozenten wird doch vor allem die Funktion zugeschrieben, seine Studenten in Vorlesungen zu unterrichten, zu fĂŒhren, zu informieren und strukturiert zu unterweisen. Der Informations- und Instruktionswert wird aber dadurch beeintrĂ€chtigt, dass die durch Dozenten vermittelten Informationen nicht selten an Ihnen in den Vorlesungen geradezu „vorbeifliegen“ und man Ihnen nicht genĂŒgend Zeit lĂ€sst, sich intensiv mit dem Stoff und dem Nachlesen im Gesetz auseinander zu setzen. Hinzukommt, dass meistens der curriculare Stoff, der fĂŒr die Klausuren vorausgesetzt wird, nicht zu Ende gebracht wird. Als Konsequenz stĂŒtzen und ergĂ€nzen die Dozenten ihre „Informationsvermittlung“ zur Absicherung deshalb durch Verweise auf Printmedien in Form von Skripten oder empfehlen (meist ihre eigenen) LehrbĂŒcher. Es entsteht ein verwirrender Medienverbund zum Lernen aus Dozent, Skript und Lehrbuch. Welches Medium ist in diesem Medienverbund eigentlich tragend? – Welches ĂŒbertrĂ€gt die wesentlichen Informationen? – Welches unterstĂŒtzt am wirkungsvollsten den Prozess des Wissenserwerbs? Es sollte der Dozent sein!Er mĂŒsste das alles entscheidende Medium sein.Die Skripten und LehrbĂŒcher – ĂŒbrigens auch die Gesetze – sind wie bemalte Fensterscheiben: Sie leuchten nur, wenn sie angestrahlt werden, angestrahlt durch des Dozenten lebendiges Wort. Anderenfalls sind sie fad, dunkel und wenig einladend. Man „blickt“ durch die milchigen Fenster nicht „durch“!

NatĂŒrlich ist die Vorlesung keine Plauderei, aber sie muss auch kein Grabgesang sein. Auch ist es eine Fehlannahme vieler Dozenten, dass Gedanken umso gescheiter sind, je umstĂ€ndlicher sie formuliert sind. „How does law work“ und nicht nur „What is law“ mĂŒsste mehr unterrichtet werden.

Viele Studenten klagen: „Eine von vielen Studenten gemachte schlechte Lehr- und Lernerfahrung ist die hĂ€ufig am Ohr vorbeirauschende Vorlesung.“ „Die Bedeutung der meisten AnfĂ€ngervorlesungen ist, dass sie fĂŒr uns Erstsemestler keine Bedeutung haben.“ „Katastrophale Vorlesung“, „Chaos“, „Verlorene Zeit“, „Da liest man besser gleich das Lehrbuch“. – Wirklich? Das sollte nicht so sein!

Im Regelfall können Sie sich darauf verlassen, dass alles, was Ihr Professor in der Vorlesung sagt, schon irgendwo gedruckt steht. Deshalb ist im Grunde die traditionelle Vorlesung seit Gutenbergs Erfindung der Buchdruckkunst im Jahre 1465 ĂŒberflĂŒssig. Bevor BĂŒcher gedruckt werden konnten, musste sich jeder Student durch die Mitschrift der (Vor-)„Lesung“, bei der der Professor sein Buch „vorlas“, sein eigenes Lehrbuch erstellen. Wer ein Buch besitzen wollte, musste sich selbst eines schreiben. Die Zeiten sind lĂ€ngst vorbei – man muss kein neues Lehrbuch anhand der Vorlesung mehr erstellen, es gibt Hunderte. Und dennoch ist es in der juristischen Vorlesung leider auch heute oftmals noch so, dass die meist eigenen BĂŒcher des Professors durch zwei Köpfe hindurch zu BĂŒchern des Studenten werden: Vom Manuskriptbuch des „Vorlesers“ fĂŒhrt der Weg erst durch den Dozentenkopf, dann durch den Studentenkopf hin zu vollgeschriebenen RingbĂŒchern, neuerdings auch Tablets des „Rezipienten“.

Die Vorlesung muss mehr bringen als ein Lehrbuch! Das tut sie fĂŒr Sie aber nur dann, wenn Sie die Vorlesung nicht zur PassivitĂ€t verdammt, sondern aktiv beteiligt besuchen, wenn Sie die PassivitĂ€t zur AktivitĂ€t ummĂŒnzen. Nur gedankenverloren lieb lĂ€cheln, wenn man nichts versteht, ist nicht die effektivste Nutzung der Vorlesung. Aufmerksames Zuhören kann aktivere Arbeit sein als aktives Reden. Bienenfleißiges Mitpinnen, Ungeordnetes in den Laptop hĂ€mmern oder umtriebig Notizen anfertigen sind eben keine AktivitĂ€ten, sondern ScheinaktivitĂ€ten. Vorlesungen bringen den Effekt einer wirkungslosen Zuckerpille, eines Placebos, wenn man nicht ihre Wirksamkeit fĂŒr sich erhöht. Und schlimmer: Ein diffuses GefĂŒhl des Nichtverstehens, der eigenen Dummheit und eine daraus resultierende stumpfe Angst bleiben meist zurĂŒck. Wie ein leichter Kopfschmerz ist diese Regung immer da, wenn man nur zuhört und wenig versteht.

Man sollte sich an den juristischen FakultĂ€ten eingestehen, dass so manche juristische Vorlesung im Vorlesungsverzeichnis des ersten Semesters SirenengesĂ€ngen gleicht und es leider nicht genĂŒgend MastbĂ€ume gibt, die Jurastudenten daran festzubinden. Auch sollte man sich eingestehen, dass die stĂ€ndig fĂŒr die „GĂŒte“ der Vorlesungen ins Feld gefĂŒhrte ÜberfĂŒllung der AnfĂ€ngervorlesungen fehlgeht: Der Run auf die AnfĂ€ngervorlesungen beruht erstens auf Unwissenheit der Studenten ĂŒber deren Nutzen und zweitens ihrer vermeintlichen Erwartung, etwas „vom Prof“ ĂŒber „die Klausur“ zu erfahren, fast immer eine Fehlannahme.

Die Verantwortung in der Vorlesung fĂŒr das richtige Lernen ruht allerdings nicht einseitig auf den Professorenschultern, sondern liegt auch bei Ihnen. Diese Verantwortung kann Ihnen niemand abnehmen. Zum Lernen in der Vorlesung gehören eben immer zwei: Der Dozent, der die rechtsdidaktisch gut aufbereiteten Informationen verstehbar und spannend liefern sollte, und Sie, der Student, der sich aktiv einschaltet, der aus den Informationen fĂŒr sich persönlich seine eigene Erkenntnis ableitet und der dann darauf aufbauend auf seinen selbstgesteuerten Lernpfaden pilgert. Aber ich gebe zu: Es wird Ihnen als Student verdammt schwer gemacht.

Das ParadestĂŒck der Ausbildung an den juristischen FakultĂ€ten ist die sog. „Große Vorlesung“, eine Massenveranstaltung mit Hunderten von Studenten in den Kernbereichen der Rechtsordnung. Diesem Wahnsinnswissen, das in diesen Veranstaltungen auf die armen Erstsemest(l)er zuströmt, ist kein Student gewachsen, im Übrigen auch kein Dozent. Der Student kann in diesen ersten Vorlesungen außer ungeordneten und unverstandenen Wissensdaten nur sehr wenig erfassen. Das einfachste juristische Vokabular fehlt ihm und sein rechtswissenschaftliches Niveau ist nahezu Null. Diese „Große Vorlesung“ ist ein Kardinalhindernis auf dem Weg einer guten Juraausbildung, denn sie verschwendet wertvolle Ressourcen aufseiten der Hochschullehrer, der Steuerzahler und besonders der Studenten, denn viele von ihnen gehen der Juristerei gleich hier verloren (Stichwort „Scheitern“).Kein Jurastudent braucht eine „Große AnfĂ€ngervorlesung“, die kein Abiturient versteht, die nur als das „Vorlesen“ eines Manuskripts oder als das „Herunterbeten“ eines zum x-ten Male gehaltenen Frontalvortrages daherkommt, ohne den „AnfĂ€nger“ im Auge zu haben. Studenten können sich gerade bei den „Großen Vorlesungen“ im Hörsaal beim Zweifeln und Nichtverstehen zusehen. Überblick zwecklos! Sie trudeln munter herein und schleichen trĂŒbselig hinaus.

Wie sollte die „Große Vorlesung“ sein? – Und was ist die „Große Vorlesung“ tatsĂ€chlich?
  • Praxisnah! – Ist sie nicht. Zu theoretisch und abstrakt, weit weg vom Alltag des Lebens und vom Gerichtsalltag.
  • Klausurenorientiert! – Ist sie nicht. Allenfalls strukturlose Kleinst-FĂ€llchen zur Illustration ohne harte gutachtliche Subsumtionsarbeit.
  • Wissenschaftlich – Ist sie nicht. Es wird im Wesentlichen reiner Pflichtstoff gelesen, ohne Lehre mit Rechtsprechung, Praxis und Forschung zu verbinden.
  • Didaktisch! – Ist sie nicht. Bei der Masse von Stoff und Studenten und der mangelhaften diesbezĂŒglichen rechtsdidaktischen Bildung der Dozenten auch kaum möglich.
  • Leidenschaftlich! – Ist sie nicht. Weil von einem Professor, der zum siebten, achten oder neunten Mal seine Vorlesung „liest“, keine Leidenschaft mehr zu erwarten ist.


Was ist sie dann? – Eigentlich ĂŒberflĂŒssig in dieser Form!! Wie gesagt: Manche Vorlesungen werden so zu leeren und gespenstigen Abstraktionen, da oft der gezielte emotionale und geistige Zugriff auf die leibhaftige Zielgruppe, nĂ€mlich die Köpfe und Herzen der Erstsemestler, fehlt.

Was also tun in der Vorlesung? – „Etwas tun!“ – Vielleicht der wichtigste Grundsatz fĂŒr einen erfolgreichen Vorlesungsstart! BegnĂŒgen Sie sich nicht mit der Rolle des passiven Zuhörers, sondern bringen Sie sich aktiv in die Vorlesung ein. Das rein passive Zuhören in Ihren Vorlesungen ist die ineffektivste Art Jura zu studieren. VordergrĂŒndig ist so ein Verhalten zwar bequem, fĂŒr beide Seiten des Katheders, weder der Dozent noch der Student werden gefordert. Aber fĂŒr Sie ist es reine Zeitverschwendung!

Und deshalb: Versuchen Sie den Gewinn aus den Vorlesungen fĂŒr sich persönlich zu optimieren! Betrachten Sie die Vorlesung als eine „Zeitgenossenschaft“ mit Ihrem Professor. Sie kommen nicht um sie herum. Allerdings: Ohne eine Umsetzung von fremdgesteuerter Vorlesung in Ihre selbstgesteuerte jurastudentische Erfahrungs- und Wissensbildung ist die Vorlesung fĂŒr die Katz! Das eigentliche Lernen findet immer in Ihnen statt. Sie leisten immer die Hauptarbeit. Der Professor sollte allerdings fĂŒr die notwendigen systematischen VerknĂŒpfungen und Einbettungen sorgen, so dass Sie den neuen Stoff unschwer in Ihr bestehendes Wissensnetz einweben können. Tut er das nicht, mĂŒssen Sie es aktiv selber tun! Alles ist schwer, bevor es leicht wird! Wer mitmachen will, findet Wege zur Vorlesungsoptimierung, wer nicht will, findet GrĂŒnde, sie nicht mitzugehen. 400 Studenten im Hörsaal? – Schlimm genug, aber wichtiger als solche fĂŒr Sie nicht Ă€nderbaren OberflĂ€chenmerkmale ist es, wie ausdauernd und, vor allem, wie intensiv und aufmerksam Sie Ihrer Vorlesung folgen und wie ernst Sie meine folgenden VorschlĂ€ge nehmen.

Hier nun die wichtigsten VorschlÀge zu einer aktiven Vorlesungsoptimierung. Ich verspreche Ihnen: Sie werden nie mehr Nichts verstehen!

  1. BemĂŒhen Sie sich von Beginn der Vorlesung an um die Fragen, die Ihnen der Dozent hier und heute konkret beantworten soll.

Sie mĂŒssen die juristischen Probleme, juristischer Ausdruck fĂŒr juristische Fragen, deutlich vor Augen sehen, um deren Lösung in der Vorlesung gerungen wird. Anderenfalls werden Sie einem rechtswissenschaftlichen flitternden Flimmern von Worten begegnen, das an keinem Thema haftet. Sie mĂŒssen wissen, wohin die Reise gehen wird, sonst kommt das Thema in Ihrer KurzzeitgedĂ€chtnis-Erkenntniswelt gar nicht erst an. Die KurzzeitgedĂ€chtnisse arbeiten brutal. Wenn Sie nach einer Vorlesung auf die Frage Ihrer schwĂ€nzenden Kollegen „WorĂŒber hat der Professor denn heute geredet?“ verdrießlich antworten mĂŒssen: „Das hat er gar nicht gesagt!“, ist die Vorlesung eine Fahrt ins Blaue gewesen – vertane Zeit. Sie wussten gar nicht, wohin Ihr Professor unterwegs war.  Sie mĂŒssen eine Reiseroute haben!

2. In Vorlesungen ist das einfachste Mittel fĂŒr Ihr aktives Lernen das Mitschreiben. Das sollten Sie aber sinnvoll tun: nicht Satz fĂŒr Satz, sondern strukturiert auf „Mitschriftbögen“.

Probieren Sie doch einmal folgende Methode aus: Fertigen Sie sich nach eigenem GutdĂŒnken auf Ihrem Computer Vorlesungsmitschriftbögen an, auf denen Sie mit System und Pfiff eine Schablone zu Ihren Semestervorlesungen aufbauen. Gut notiert ist halb gelernt! Das hat nach einer gewissen Eingewöhnungsphase drei ganz wichtige, unschĂ€tzbare Vorteile, nĂ€mlich

  • erstens, dass Sie besser mitdenken können,
  • zweitens, dass Sie in Ihrem Kopf ein immer gleiches Abbild schaffen und
  • drittens, dass Ihnen dieses GerĂŒst beim Nacharbeiten zu Hause wertvolle Hilfe leistet.


Folgender Vorlesungsmitschriftbogen (A4-Format) könnte Ihr Vorlesungslernen rhythmisieren:Dieser Vorschlag könnte zum Inhaltsverzeichnis jeder Ihrer Vorlesungen werden! Sein Motto lautet: Ordnung und Struktur fĂŒr den besprochenen Vorlesungsstoff.

  • Die Ziffern 1 bis 3 dienen der selbstverstĂ€ndlichen Feststellung: Wer hat wann
    ĂŒber was gesprochen?
  • Wenn Ihnen zum ersten Mal alle Ihre Zettel bei einer Vollbremsung gĂ€nzlich durcheinander geraten sind, wissen Sie, wie wichtig Ziffer 4 ist.
  • Ziffer 5 ist nicht ohne Probleme: Jede Vorlesung weist eine innere Struktur auf; diese gilt es zu finden, auch wenn es manchmal sehr schwer fĂ€llt! Gelingt es Ihnen nicht, den roten Faden in der Vorlesung zu entdecken, mĂŒssen Sie ihn in der Nacharbeit suchen. Orientieren Sie sich dabei an der Gesetzessystematik, an den Paragraphen und an Tatbestandsmerkmalen. Gleichzeitig zwingen Sie sich dabei, Ihre Notizen auch wirklich anzuschauen, wodurch Sie sich eine bestmögliche Wiederholung sichern. Auch ist das Gebot der Verknappung ganz wichtig. Denn je mehr NebensĂ€chliches Sie hier festhalten, desto schwerer fĂ€llt es Ihnen, die wirklich wichtigen Punkte klar vor dem geistigen Auge zu sehen. Hier mĂŒssen die Punkte auf den Punkt gebracht werden!
  • Ziffer 6 weist das grĂ¶ĂŸte Problem auf: Was soll ich mitschreiben? ZunĂ€chst gilt: Die Kunst, alle zu langweilen, besteht darin, alles zu sagen. Das gilt fĂŒr Ihren Professor! Die Kunst, nichts zu begreifen, besteht darin, alles mitzuschreiben. Das gilt fĂŒr Sie als Studenten! Das liegt ganz einfach daran, dass Sie Ihr GedĂ€chtnis und insgesamt Ihr Gehirn beim wortgetreuen Schreiben total ausschalten und sich zum tumben Stenographen, zum Federhalter Ihres Professors degradieren. Die Wissenschaft hat festgestellt, dass bei der wortprotokollarischen Aufzeichnung 90 % der Wörter fĂŒr Ihre Erinnerungszwecke unnötig sind. Sie brauchen sie einfach nicht! Die satzförmigen Notizen haben nur zur Folge, dass Sie wertvolle Zeit damit vergeuden, ins gedankliche Stolpern geraten und bald entnervt vom Hinterherhecheln aufgeben.  Es ist ganz einfach sinnlos, Wörter niederzupinseln, die keinen Wert fĂŒr Ihr LangzeitgedĂ€chtnis haben! Es ist noch sinnloser, dieselben unnötigen Wörter wiederzusuchen und zu lesen! Es ist absolut sinnlos, stĂ€ndig mĂŒhsam nach denjenigen Wörtern, die SchlĂŒsselfunktionen fĂŒr Sie haben, im Wirrwarr Ihrer Aufzeichnungen zu fahnden. Zuviel Mitschreiben verhindert das Mitdenken. Nicht wahllos Wort fĂŒr Wort, sondern nur Wesentliches ist zu notieren. Diesen Blick fĂŒr die Scheidung von unwesentlich und wesentlich mĂŒssen Sie schulen, Sie brauchen ihn fĂŒr Ihr gesamtes juristisches Leben. Wer gut unterscheidet, lernt auch gut! Das Stichwort fĂŒr Ziffer† lautet: Inhalt.
  • Ziffer 7 dient der Sammlung eigener Erkenntnisse und ErgĂ€nzungen sowie offen gebliebener Fragen: Wo steht das besprochene Thema in meinem Begleitlehrbuch? (Skriptum gilt auch!) Wie ordne ich es in die Gesamtstruktur ein? Was findet sich dazu im Gesetz? (Das Gesetz ist der Anfang und das Ende der Juristerei!) Wie ist dieses Gesetz aufgebaut? (Modell Konditionalprogramm, Seziertechnik!) Gelingt mir die einwandfreie Subsumtion oder komme ich (wo?) ins Stolpern? Welche Rechtsprechung gibt es dazu? Was interessiert mich daran am meisten? Ist das Thema einer Vertiefung in der Literatur wert? Kleiner Übungsfall im Gutachtenstil gefĂ€llig?


Jetzt denken Sie bitte nicht: Der ist ja aus der Zeit gefallen! Ich habe schon mitbekommen, dass es still geworden ist in manchem Hörsaal und nur das leise Tippen auf dem Laptop oder dem Tablet zu hören ist. Zwischendurch rascheln ein paar BlĂ€tter bei den wenigen Studenten, die sich noch mit einem Stift Notizen machen. Tastatur schlĂ€gt Stift? – SchlĂ€gt Zeitgeist den didaktischen Nutzen? Nein! Solange es noch Stift und Papier gibt, sollten Sie sich Ihre eigenen Vorlesungsmitschriftbögen ausdrucken und eigenhĂ€ndig auffĂŒllen. Erstens ist Ihre Handschrift viel persönlicher als ein eingetippter Text, ein StĂŒck Ihrer selbst. Zweitens können Sie Ihre Notizen besser sortieren, leichter ErgĂ€nzungen an den richtigen Stellen machen, mit schnell gezogenen Strichen, Markierungen und Pfeilen Ihre Gedanken ordnen. Deshalb: Bleiben Sie beim Mitschreiben und nicht beim Mittippen! Beim bloßen Mitschreiben ohne strukturierten Mitschriftbogen droht allerdings eine große Gefahr: Wenn Sie viel mitschreiben, haben Sie das GefĂŒhl, etwas geleistet zu haben. Es ist ja so verfĂŒhrerisch, Seite um Seite vollzukritzeln, viel Papier nach Hause zu tragen und sich zu belĂŒgen: „Zu Hause, zu Hause – da werde ich alles lernen“. Man tut es nicht! Die studentische Weisheit: „Pinn ich – dann bin ich“ taugt fĂŒr Sie nicht. Nicht sammeln, stapeln und abheften heißt die Devise fĂŒr Sie, sondern gewichten, wĂ€gen, sortieren und zuordnen. DafĂŒr steht der Mitschriftbogen!

Das will geduldig geĂŒbt werden. Lernen besteht nicht nur aus Neugierde! Es verlangt auch Ausdauer, Übung und handfeste Arbeit! Da ist Routine notwendig, Rhythmisierung unvermeidbar und hilfreich! Alle Menschen haben eine Vorliebe fĂŒr Rituale, sie verleihen ihnen Sicherheit. Die wiederkehrende, festgelegte Ordnung Ihrer Mitschriften ist ein solches Ritual. Es hilft Ihnen, sich zurechtzufinden. Auf die rĂ€umliche Ordnung Ihrer Aufzeichnungen mĂŒssen Sie sich verlassen können, soll Ihre juristische AnfĂ€ngerwelt nicht ins Wanken geraten. Haben Sie die Vorlesungsinfos irgendwo extern gespeichert, ohne sie wiederzufinden, entlasten Sie die Mitschriften ĂŒberhaupt nicht. Gewöhnen Sie sich deshalb von Anfang an eine einheitliche Mitschrift an, bei der das Datum ebenso seinen festen Platz hat wie der Name des Dozenten und die Überschrift seiner Thematik, also die Frage, um die es hier und heute konkret geht, um das Ziel, zu dem man unterwegs ist.


3. Achten Sie in der Vorlesung auf Gliederungen des Professors!

Wenn er sagt: „Die Frage lĂ€sst sich in drei Unterpunkte unterteilen“, notieren Sie unter Ziffer … Ihres Mitschriftbogens „1., 2., 3.“ mit genĂŒgend großem Abstand und fĂŒgen dann die Kernaussagen stichwortartig ein! Auch dann, wenn er auf 1., 2., 3. nicht mehr zurĂŒckkommt. Es gibt viele Lehrende, die oft 1. sagen, ohne jemals 2. und 3. folgen zu lassen.


4. Stimmen Sie sich auf die Vorlesung ein, indem Sie den durchzunehmenden Stoff schon einmal grob vorbereiten! Wer gut vorarbeitet, kann sich gut vorarbeiten im Stoff!

Je intensiver Ihre Vorbereitung, desto besser blicken Sie durch. Sie sollten ganz einfach wissen, was in der nĂ€chsten Vorlesung auf dem Programm steht und sich im Lehrbuch einarbeiten. Jede Vorlesung knĂŒpft an Voraussetzungen an, deren Kennt-nis zum VerstĂ€ndnis notwendig sind. Schon sind Sie aktiv! Hauptsache, Sie haben einen roten Faden an der Hand. Sie haben sich motiviert. Sie sind gespannt, sind auf Empfang. Wo kommt „er“ her – Wo will „er“ hin? In deutschen Juravorlesungen hĂ€lt man die Vorbereitung leider fĂŒr Luxus. Ganz anders in den USA. 300 Seiten Text vorher (!) lesen zu mĂŒssen, ist fĂŒr den Studenten dort keine Seltenheit. Und wer den Text nicht beherrscht (Aufrufen und Drannehmen sind die Regel) fliegt! „Zumutung“ und „Eingriff in die akademische Freiheit“ schallt es da von deutschen HörsaalbĂ€nken und Kathedern. Wer so denkt, denkt falsch! Die Vorbereitung ist wichtiger als die Nachbereitung. Vordenken ermöglicht Mitdenken, VorverstĂ€ndnis schafft VerstĂ€ndnis. Nur diese „Planung“ ist gewinnbringend fĂŒr die Vorlesung.


5. Hören Sie aufmerksam zu! Versuchen Sie von Beginn an, Wesentliches von Unwesentlichem zu trennen!

Auch Professoren sagen manchmal Unwesentliches. Konzentrieren Sie sich auf Strukturen – nicht auf schöne Formulierungen. Die Vorlesung muss im Moment verstanden werden – es gibt kein ZurĂŒckblĂ€ttern mehr, nur das NachblĂ€ttern zu Hause. In der klassischen „großen Vorlesung“ hat der Student eben kaum Gelegenheit dazu, Fragen zu stellen oder gar eigene Überlegungen denjenigen des Professors gegenĂŒberzustellen. Schade! Es gibt keinen Dialog!


6.  Fragen Sie stets: „Was ist gefragt?“! Und: „Was will er mir damit sagen?“ Und: „Was will mir das Gesetz sagen?“

Alle ArgumentationsstrĂ€nge Ihres Professors sollten an PrĂ€missen des Gesetzes an-knĂŒpfen. Wenn nicht, suchen Sie selber herauszufinden, welches Tatbestandsmerkmal gerade „aufgemischt“ wird. Wenn Sie keins finden, hĂ€ngen Sie in der Luft.


7. Ihre Vorlesungsmitschrift sollten Sie grundsĂ€tzlich noch am selben Tage, spĂ€testens am Folgetage, ĂŒberdenken, nachbereiten und in Reinschrift ĂŒbertragen, denn dies erbringt den notwendigen Wiederholungs- und EinprĂ€geeffekt.

Hier haben Sie noch die Chance zu rekonstruieren, in wenigen Tagen ist das Gehörte fĂŒr immer verloren, weg, ganz einfach weg. Die Verankerung der Lehrinhalte im LangzeitgedĂ€chtnis ist umso intensiver, je mehr WahrnehmungskanĂ€le Sie aktivieren. Beschriebene BlĂ€tter in Ihrem Ordner nĂŒtzen gar nichts – der Inhalt muss ins LangzeitgedĂ€chtnis. Mitschreiben und in Reinschrift Übertragen öffnen bei Ihnen drei EingangskanĂ€le: Hören, Schreiben und Sehen des Geschriebenen! Mitschreiben – lochen – abheften darf nicht Ihr Stil sein.


8.   Setzen Sie auch in der Vorlesung Baumdiagramme ein! Jedes Gelernte besteht nun einmal aus vorhandenen alten Kenntnissen und dem neuen, bisher fremden Material.

Wichtig ist die horizontale und vertikale VerknĂŒpfung. Übersetzen Sie die komplizierten Strukturen Ihres Professors in Ihre eigene Baumstruktur! Blick nach oben! – Blick zur Seite! – Blick nach unten! Sie wissen schon.


9. Benutzen Sie Kurzzeichen fĂŒr die Vorlesungsmitschrift!

Etwa so: Def. = Definition; Sub. = Subsumtion; Rspr. = Rechtsprechung; h.M. = herrschende Meinung; Prof. = eigene Meinung des Professors; z.B. = Beispielsfall; K = Kernaussage; Up = Unterpunkt; Arg. = Argument; ? = unklar, fraglich; ! = super, leuchtet ein; § = s. im Gesetz nach; P = Problem. Und schreiben Sie lesbar.Freilich, nicht jeder hat eine Schönschreibschrift, aber das ist auch gar nicht nötig. Zumindest jedoch mĂŒssen Ihre Aufzeichnungen fĂŒr Sie ohne Lupe lesbar sein, damit Ihre Schrift Ihnen nicht selber RĂ€tsel aufgibt. Anderenfalls können Sie das hektische Mitschreiben gleich ganz sein lassen.


10. Als Ă€ußere Form empfiehlt sich die Loseblattsammlung per Ordner oder Ringbuch.

Diesen Tipp mĂŒssen Sie mit dem vorgeschlagenen, besonders ĂŒbersichtlich angelegten Modell eines optimalen Vorlesungsmitschriftbogens paaren. Vorlesungsbogen hinter Vorlesungsbogen heften und nummerieren! Sie mĂŒssen die Notizzettelmethode aufgeben und fĂŒr jede Vorlesungsreihe einen gesonderten Sammelordner anlegen. UnĂŒbersichtliche Zettelwirtschaft und Mitschriften auf dem nĂ€chstbesten Papier sind nutzlos. Derartige Notizen haben die Eigenschaft, sich zu verflĂŒchtigen, denn oft sind sie spurlos verschwunden. Und sollten sie zufĂ€llig doch wieder auftauchen, kann man sich ĂŒberhaupt nicht mehr daran erinnern, in welchen Zusammenhang sie gehören.


11.  Neue Begriffe mĂŒssen Sie immer notieren.

Zu Hause können  Sie diese dann anhand Ihrer Nachschlagewerke klĂ€ren. Gerade in der AnfĂ€ngervorlesung werden Sie damit ĂŒberhĂ€uft. Denken Sie an Ihr etymologisches Lexikon, den Fremdwörterduden und unsere „Kleine Lateinschule“.

  1. Suchen Sie nach der Struktur in der Vorlesung!

Selbst die Vorlesung des schlechtesten Professors muss eine Struktur haben – diese gilt es zu entdecken. Vorlesungen sind manchmal Veranstaltungen, die in der Abstraktion der Begrifflichkeit verharren. Deshalb mĂŒssen Sie nicht selten Detektiv spielen, was konkret gemeint ist. Je intensiver Ihre Suche, desto ertragreicher ist der Besuch der Vorlesung fĂŒr Sie. Drei Fragen an den Professor sollten Sie deshalb unbeirrbar von Anfang an in jeder Vorlesung zu entdecken versuchen:

  • Woher kommt „er“? – Woran knĂŒpft das Thema an?
  • Wohin geht „er“?!– Zu welchem Ziel wird das Thema fortgefĂŒhrt?
  • Wo steht „er“ jetzt?! –    Welchen Platz nehmen die Einzelheiten des Themas im Gesamtbild („System“) meiner juristischen Materie ein?

Die Beantwortung dieser drei Fragen ist wichtig fĂŒr Sie, damit Sie nicht irgendwo im Nirgendwo auf dem zivilrechtlichen, verfassungsrechtlichen oder strafrechtlichen Vorlesungsozean herumlavieren, kein Land mehr sehen und verloren gehen. An irgendeinem Punkt steht „der Prof“, von irgendeinem Punkt kommt „der Prof“ und zu irgendeinem Punkt will „der Prof“ hin! Diese Antworten mĂŒssen Sie jeder Vorlesung abtrotzen. Das ist spannender als auf dem Smartphone rumzutippen.


13. Eine Vorlesung ist nur mit Nachbereitung fruchtbar, sonst sitzt man nur Zeit ab.

Der schnellen Denkwelt des juristischen Hörsaals mĂŒssen Sie mit Hilfe des Ihnen ans Herz gelegten Mitschriftbogens die langsamere Denkwelt Ihrer Studierstube entgegensetzen, welche durch ihre Langsamkeit die Schnelligkeit kompensiert. Inhalte, die unmittelbar im Begriff sind, Ihre Kurzzeitspeicher wieder zu verlassen, können nur so im LangzeitgedĂ€chtnis verdrahtet werden. Arbeiten Sie die Vorlesungen nach, ganz wichtiger Tipp!

Abschließende Frage: „Wie kann ich meine bisherigen hinderlichen Vorlesungsgewohnheiten abbauen und mich an die neuen VorschlĂ€ge heranwagen?“ – Sagen Sie sich ganz einfach:                                                          

  • „Ich probiere das mit den Vorlesungsmitschriftbogen jetzt einmal zwei Wochen lang aus! Mal sehen, wie das ist!“
  • „Ich versuche, in jeder Vorlesung die ihr eingeborene Gliederung und Struktur zu erkennen – und mag sie noch so versteckt sein!“
  • „Ich orientiere mich an den 3 Fragen: Woher kommt ‚er‘, wo steht ‚er‘, wohin geht ‚er‘ anhand meines aufgelisteten kartographischen Erfassungsmittels!“
  • „Ich bereite mich mal eine halbe Stunde auf die Vorlesung vor und arbeite mal eine Stunde nach. Zeit hĂ€tte ich ja!“


Ein letzter Vorschlag: QuÀlen Sie sich nie durch Vorlesungen, die Ihnen nicht liegen oder die Sie nicht verstehen. Sie behalten einfach nichts. Reine ZeitrÀuber! Gehen Sie aus dem Hörsaal! Das allein ist die richtige Tat des Studenten!

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